Was tun mit dem roten Lappen?

Wir hatten beim Argencup ein kleines Vorkommnis, welches wir zum Anlass nehmen wollen, um uns ein paar grundsätzliche Gedanken über das Segeln nach Regeln zu machen. Im Grunde ist die Sache ja simpel, denn alles was man wissen muss, steht schwarz auf weiß in den Racing Rules of Sailing der ISAF. Ganz so leicht ist es aber natürlich nicht, denn allen Beteiligten wird ein großes Maß Eigenverantwortung abverlangt. Und in der Praxis ist diese Eigenverantwortung, insbesondere das Ziehen der Protestflagge, für viele ein rotes Tuch.

Bei Regelverstößen eilt keine höhere Macht zur Hilfe. Eigenverantwortung ist gefragt!

Wer beim Segeln einen Regelverstoß begeht, der ist eigentlich raus aus der Regatta. Bekommt quasi eine imaginäre rote Karte, muss aufgeben oder wird disqualifiziert. Selbst bei kleinsten Verstößen gegen die Regeln. Da dies  natürlich sehr hart ist, gibt es eine Möglichkeit, der Disqualifikation zu entkommen: Man ist sofort reumütig und nimmt ebenso sofort freiwillig eine Strafe an. Diese Strafe umfasst meistens zwei Strafkringel, die man absolviert und damit sich selbst „entlastet“. Bei Bahnmarkenberührung genügt sogar nur ein Kringel. Dies ist alles in Regel 44 geregelt.

Im Segelsport ist es üblich und von den Regelerstellern auch so konstruiert, dass sich zunächst jeder selbst diszipliniert. Ein Sport für Gentlemen. Wenn ich also einen Fehler mache oder gegen eine Regel verstoße, dann wird von mir erwartet, dass ich diesen Fehler durch Annahme einer Strafe selbst korrigiere – ohne dass ein Schiedsrichter pfeift oder ein Konkurrent mit hochrotem Kopf über das Wasser brüllt und mich auf den Regelverstoß hinweist.

Was ist dann überhaupt ein Protest?

Mit einem Protest kann ein Wettfahrtteilnehmer deutlich machen, dass er ein Verhalten eines Konkurrenten für einen Regelverstoß hält. So ein Protest ist zunächst folgenlos, man zeigt nur, dass man einen Regelverstoß bemerkt hat. Denn natürlich sind nicht alle Situationen eindeutig, eine Crew kennt vielleicht eine spezielle Regel nicht oder hat die Situation einfach ganz anders wahrgenommen. Also heißt es am Anfang nur: „Du, ich habe Deinen Regelverstoß bemerkt.“ Aus einem Protest kann aber später nach der Wettfahrt eine Sanktion entstehen.

Solche Sanktionen spricht das Schiedsgericht aus, wenn der Protest formal und inhaltlich korrekt ist. An den Protest sind also zunächst einige formale Bedingungen geknüpft. Diese Erfordernisse sind in Regel 61 beschrieben: Man muss sehr schnell den Protestgegner über den Protest informieren, was man mit dem Setzen einer roten Flagge und zusätzlich dem deutlichen Ruf „Protest“ macht. Ist der Protestgegner außer Rufweite, braucht man sich natürlich nicht die Kehle wund zu schreien, sondern es genügt, nur die Flagge zu setzen und dann sobald wie möglich den Protestgegner zu informieren. Die rote Flagge muss gesetzt bleiben, so lange man sich in der Wettfahrt befindet.

Ist das erledigt, muss man später an Land den Protest innerhalb einer bestimmten Frist über die Wettfahrtleitung an das Schiedsgericht schriftlich einreichen (Regel 61.2 und 61.3). Das Schiedsgericht hört dann in einer Verhandlung beide Parteien, kann Zeugen befragen und entscheidet später, ob den Regeln genüge getan wurde. Eigentlich wie eine Gerichtsverhandlung.

Wann wird überhaupt protestiert?

Wer nur Clubregatten segelt, für den ist die Sache häufig klar. Man kennt ein paar Vorfahrts- und Tonnenregeln, die zusätzlich zur Bodenseeschifffahrtsordnung oder den jeweiligen Verkehrsregeln im Revier gelten und hält sich so gut daran wie es eben geht. Proteste sind meist gar nicht vorgesehen und so schaut jeder danach, dass die Konkurenten einigermaßen ordentlich fahren. Und wenn nicht, dann wird nachher beim Bier geschimpft. Da es kaum Sanktionen gibt, ist potentiell derjenige bevorteilt, der am dreistesten fährt und das größte Ego hat. An und für sich funktioniert dieses System auch ganz gut, wenn man immer unter sich bleibt und generell entspannt gesegelt wird. Gerade für Gelegenheitsregattierer und Neulige wäre es auch ziemlich abschreckend, wenn man dauernd mit Protesten konfrontiert würde.

Wer aber mehr Ambitionen hegt oder sogar Klassenregatten segelt, in denen die Leistungsdichte und der Anspruch einfach höher sind, der möchte mit Sicherheit fair segeln und sich nicht nur auf die Fairness der Mitsegler verlassen müssen. Und spätestens in diesem Fall kommt man dann leider nicht mehr drum herum, sich mit dem komplexen Regelwerk der ISAF bezüglich Protesten auseinander zu setzen.

Berühren verboten! Wer eng um eine Tonne fährt, kann sich auch mal verschätzen.

Der Anlass zu diesem Artikel ist, dass wir den Regattatag vom Argencup zum ersten Mal in dieser Saison im Juryraum beendet haben. Ein Boot hatte bei wenig Wind die Bahnmarke berührt, um sich einen zeitraubenden Holeschlag zu ersparen, und war einfach weiter gesegelt, ohne sich sofort zu entlasten. Aus unserer Sicht ein klarer Regelverstoß, den wir nicht einfach übersehen wollten. Wir haben deshalb protestiert – auch wenn es keine Meisterschaft war.

Bei der Protestverhandlung kam es dann jedoch anders als gedacht. Vor dem Schiedsgericht und auf dem Bodensee…

Um genauer zu sein: Wir kamen noch nicht einmal bis zur eigentlichen Verhandlung in der der Sachverhalt festgestellt wird, da zunächst geprüft werden muss, ob der Protest formal zulässig ist (Regel 63.5). Wie oben beschrieben ist eine Vorraussetzung dafür, dass unverzüglich „Protest“ gerufen und die rote Flagge gesetzt wird.

Der Protestgegner behauptete jedoch, uns weder gehört noch eine rote Flagge gesehen zu haben. Nun hätten wir beide die Möglichkeit gehabt Zeugen aus unserer jeweiligen Mannschaft zu hören, was uns aber nicht weitergebracht hätte, da jeder die entsprechende Situation nur bestätigt hättte (so vermuten wir zumindest). Die Lösung wären unbefangene Zeugen gewesen, die wir auch schon im Protestschreiben benannt haben. Es lag nämlich ein Boot direkt über uns in Luv und hat uns sowohl rufen hören als auch Flagge setzen sehen – den eigentlich Vorfall konnten sie auch beobachten.

Nun kam das, womit wir nicht gerechnet haben. Die Zeugen waren nicht aufzufinden. Damit stand es Aussage gegen Aussage und der Protest wurde gar nicht erst angenommen. Da es auch schon spät war und wir noch eine lange Rücküberführung vor uns hatten, haben wir uns dann damit abgefunden.

(Eine Feinheit: Nach Regel 61.1 (a) (1) ist es nicht notwendig zu rufen, wenn das andere Boot außer Rufweite ist. Dann genügt es, den Protestgegner bei der nächstmöglichen Gelegenheit zu informieren, was wir direkt nach der Zieldurchfahrt auch getan haben. Damit haben wir formal alle Voraussetzungen erfüllt, falls der Protestgegner doch zu weit für’s Rufen entfernt gewesen sein sollte. Allerdings hat in unserem Fall der Protestgegner gar nicht bestritten in Rufweite gewesen zu sein, sondern nur unsere Flagge gesehen und unseren Ruf gehört zu haben. Ohne es auszusprechen hat er damit also impliziert, dass wir nicht gerufen und die Flagge gesetzt haben. Daher wären die Zeugen notwendig gewesen.)

Fairerweise muss man dazu sagen, dass der „Übeltäter“ direkt vor Zieldurchfahrt unter den Augen der Wettfahrtleitung einen Penalty gefahren haben soll, was wir aber nicht sehen konnten. Wahrscheinlich wollten sie wirklich alles richtig machen und sich vor qualifizierten Zeugen entlasten, haben dabei allerdings nicht Regel 44.2 beachtet, die eine sehr zeitnahe Entlastung fordert – gerade auch um Konkurrenten zu ermöglichen, die Entlastung zu beobachten.

Auch wenn unser Protest abgewiesen wurde, gelernt haben wir doch ein paar Sachen. Vor allem, dass man Zeugen, die man benennt, im Gewühl zwischen Würstchengrill und Biertheke nach den Wettfahrten nicht aus den Augen verlieren darf. Und dass die Jugendabteilung des Vereins für eine kleine Spende (die uns der Protestgegner für größere Bierinvestitionen nach der Verhandlung in die Hand gedrückt hat – warum auch immer) sehr gute Verwendungen hat.

Bleibt die Frage, wann protestiert man eigentlich?

Im Gespräch mit anderen Seglern kamen dann verschiedene Meinungen zum Vorschein zum Thema Protest im Allgemeinen. Viele scheinen nach dem Prinzip vorzugehen: Wie Du mir, so ich Dir. Wenn also einem die Vorfahrt genommen wird, dann hat man beim nächsten Mal einen gut. Dieses Prinzip funktioniert allerdings nur im Duell zweier Boot. Denn auch ein ansonsten unbeteiligter Dritte wird durch dieses Vorgehen benachteiligt, wenn der Konkurrent Vorteile erhält, die ihm nicht zustehen.

Leider wird ein Protest auch oft wie ein hinterlistiger Angriff wahrgenommen. Ob man sowas nicht beim oder mit Bier regeln könne?

Häufig wurde auch gesagt: Es ist es doch nicht wert, Zeit nach einem schönen Segeltag im Juryraum zu vergeuden. Oder, dass XY doch eh unbelehrbar sei. Ebenso haben Protestierende auch häufig das Image des Prozesshansels, Denunzianten oder Spielverderbers. Wie jemand, der beim Fußball nach einem kleinen Rempler den sterbenden Schwan miemt und so eine Platzverweis des Gegenspielers schindet.

Genau dies ist sehr schade, denn Segeln ist ein Sport, der darauf beruht, dass man sich auch ohne externe Kontrolle an die Regeln hält und erst im zweiten Schritt sich die Konkurrenten gegenseitig kontrollieren. Anders ist fairer Sport auf unserem Leistungsniveau nicht möglich – es bräuchte ansonsten eine Vielzahl an Wasserschiedsrichtern. Und erst dann könnte man trotz der Einstellung „Foul ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“ vielleicht faire Wettbewerbsbedingungen erreichen.

Was bleibt als Fazit übrig?

Protestieren ist fair, wenn damit erhebliche Regelverstöße offiziell werden und die Eigenverantwortung zur Entlastung nicht erkennbar ist. Diese Erheblichkeitsschwelle ist natürlich subjektiv und jede Crew muss ganz pratkisch ein Maß finden, welche Situationen es wert sind, dafür Zeit im Jury-Raum zu verbringen. Aus unserer Sicht wäre es aber begrüßenswert, wenn auch andere Teams ab und an mal „Flagge“ zeigen.

Die Zeit im Juryraum ist nicht vergeudet sondern eine Investition für sportliches Verhalten im Wettkampf. Aus Respekt vor den Regeln und viel wichtiger noch aus Respekt vor den Konkurrenten, die sich an die Regeln halten.

Zusammenfassend ist bezüglich der Regeln beim Segeln vor allem wichtig, was Paul Elvström gesagt haben soll: „You haven’t won the race, if in winning you lost the respect of your competitors.“

Und auf unserem Niveau sollte man es vielleicht noch ergänzen: „You have lost twice, if in losing you lost the respect of your competitors.“

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