ORC und Yardstick – ein weiterer Vergleich

Es ist nicht ganz zulässig, aber ist doch einen Blick wert: Ein Vergleich von Yardstick zum ORC Club Rating am Bodensee – rechnerisch. Mal sehen was herauskommt.

Nach Regatten glüht erstmal der Taschenrechner. Kommt beides auf das gleiche heraus?

Es gibt viele Boote, die haben beides. Einen Yardstick-Wert und ein ORC Rating. Wenn in einer virtuellen Wettfahrt beide nach beiden Systemen den selben prozentualen Abstand haben, dann scheinen beide Ratings fairs zu sein. Beginnen wir mit dem Fazit: Für große Klassen passt alles ziemlich gut. Für Einzelboote auch. Aber im Vergleich beider meist nicht.

Zunächst eine kurze Analyse:

Auszug aus einer Liste mit Booten mit mehreren Schiffen am Bodensee, ausgewählt sind Boote, die sowohl einen Yardstick-Wert als auch einen ORC-Rennwert 2011 haben:

  • Longtze Premier, Bodensee-Yardstick: 85, ORC „Yardstick“: 86.6
  • Esse 850, 86, 86.1
  • 8 m OD, 90, 89.1
  • Melges 24, 91, 90.6
  • Platu 25, 93, 93.4
  • First Class 8, 95, 95.1
  • X-99, 91, 87.9 (sehr große Abweichung!)
  • IMX 38, 83, 83.2
Ein paar willkürliche Einzelboote (am Bodensee):
  • Sydney 32, 90, 90.6
  • Swan 371, 95, 90.1 (sehr große Abweichung)
  • Farr 36, 78, 74.5
  • A-35, 87, 84.5
  • X-35, 87, 85.0
  • Mono 22, 93, 92.9
Man sieht an dieser Auflistung ganz schön, dass die Abweichung des Yardstickwertes von einer (weiter unten erklärten) Rechengröße aus ORC-Daten von der Anzahl der Boote abhängt. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich bei größeren Flotten in der Regel der „Crewfaktor“ aus der Yardstick-Einschätzung herausmittelt. Wird ein Boot von vielen gesegelt, dann ist das Können der Crews ungefähr gleichverteilt. Dies scheint sofort einleuchtend.

Problem dabei ist, dass einige Klassen eine besonders hohe Regatta-Aktivität haben und so insgesamt der Durchschnitt der Crew-Qualität eher hoch ist. Diese Einfluss scheint aber nicht allzu groß zu sein. Insgesamt passt es also – vor allem wenn man die Stoßrichtung von Yardstick für Clubregatten etc sieht. Es fällt auf, dass die Abstände bei den Klassenbooten im allgemeinen passen und die Einzelboote alle etwa den gleichen Aufschlag haben.

Diesen kleinen Malus müssten die Boote aus den „Hochleistungsklassen“ also verkraften können. Aber woher kommt dieser Malus?Heißt das dann im Umkehrschluss, dass die ganzen Segler auf Einzelbooten Pflaumen sind?
Nein, natürlich nicht. Aber es spielen mehrere Faktoren herein, die alle dazu führen, dass ein Einzelboot nicht an seiner Leistungsgrenze bewegt wird. Und das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass keiner wirklich weiß, wo die Leistungsgrenze ist.

Bei einem Klassenboot sieht man sofort, was schnell ist. Wer in der Klasse vorne fährt, macht irgendetwas besser, als einer der hinterher fährt. Das ist deutlich für alle sichtbar und alle Klassensegler profitieren von diesen fortwährenden Vergleichen.

Wer dagegen auf einem Einzelboot über den See fährt, der kann sich nur auf sein Gefühl verlassen. Aber was fühlt sich schnell an? Sehr schwierige Kiste. Um es hart auszudrücken: Man fährt relativ planlos über den See – auch wenn alle Manöver einwandfrei funktionieren.

Unter ORC bekommt man dies dann knallhart zu spüren. Das Rating nimmt keine Rücksicht auf die Anzahl der Boote, die sich im Revier befinden. Im Gegensatz dazu ist es der Yardstick-Kommission natürlich schlicht unmöglich, dies irgendwie außen vor zu lassen. Von außen ist es nämlich noch weniger zu erkennen als von innen. Einzelboote müssen somit für den Regatta-Erfolg unter Yardstick also weniger an der absoluten des Bootes als an der individuellen Leistungsgrenze des Seglers bewegt werden. Denn über die durchschnittlichen Segelleistungen reguliert sich ja das Rating.

Dieser Artikel soll keine Kritik am Yardstick-System sein, sondern etwas ganz anderes aussagen: Man muss nicht planlos über den See fahren und wenn man dies nicht tut, dann ist man deutlich schneller!
Ein Boot hat sehr viele Einstellmöglichkeiten, tausend kleine Stellschrauben, an denen man drehen kann, die alle eine Wirkung haben – und wer hat die Zeit dafür sie alle auszuprobieren und das auch noch bei jeder erdenklichen Windstärke?

Aber zur Abhilfe gibt es zumindest Basislösungen:
Die wenigsten Schiffe werden von ihren Erbauern rein nach Gefühl oder Optik zusammengeschustert, sondern die Entwürfe werden zumindest einmal durch den Wolf bzw. den Rechner gejagt – und heraus kommt eine halbwegs solide Datengrundlage, wie schnell man sein sollte, wenn man Kurs X bei Wind Y fährt. Viel, viel genauer als Gefühl. Man weiß, in welcher Richtung man wie schnell sein soll – meist werden sogar noch die optimalen Winkel angegeben. Daran kann sich der Segler orientieren.

Wer so etwas nicht auftreiben kann, aber einen ORC Messbrief hat, der kann die ausgerechneten Daten auf anderem Wege erhalten. Entweder einfach im ORC International Messbrief nachgucken oder, wenn man einen ORC Club Messbrief hat, seinen eigenen Speed Guide (oder von etwa 50.000 anderen Schiffen) herunterladen. Eine passende Erklärung gibt es gratis dazu.

Die dritte Möglichkeit ist es natürlich, einfach weiterhin vergnügt Yardstick zu segeln und zu hoffen, dass man der Kommission keinen Anlass liefert, weshalb sie glauben könnte, dass das eigene Boot eigentlich viel schneller sein könnte.

Und die vierte Möglichkeit – bei der man dann allerdings auch überhaupt keine Ausreden mehr hat: Einstieg in eine Einheitsklasse.
____________________
Erklärungen zur rechnerischen Vorgehensweise:
Es liegen von allen oben genannten Booten sowohl die Yardstick-Wertungen als auch die ORC Rennwerte vor. Es wird angenommen, dass der YS-Wert für das Boot im ORC-Rating-Trimm gilt. Als Klassenboot habe ich für diese Betrachtung nur Boote berücksichtigt, die auf dem Bodensee in der Klasse fahren. Die X-35 und die A-35 gelten aus dieser Sicht also als Einzelboote!

Es wurde nun die jeweiligen ToT-Triple Numbers des ORC Ratings in Verhältnis zum einen Referenz-Rating gesetzt und dann in Bezug zum YS-Wert des willkürlich als „fair“ gewählten Bootes gesetzt. Da typische Bodenseewinde irgendwo zwischen 0-15 Knoten liegen, wurden nun diese Werte für die Triple-Number-Werte „schwach“ und „mittel“ arithmetisch gemittelt.

Das Referenzboot wurde ein paar mal ausgetauscht, es kommt grundsätzlich das gleiche raus. Daher ist das Referenzboot für die obigen Daten unsere Mono 22 mit dem YS 93.

Was auffällt:
– Klassenboote haben unter Yardstick untereinander etwa die gleichen Ratingausgleiche wie unter ORC. Sprich: Wer unter Yardstick gewinnt, gewinnt in den meisten Fällen auch unter ORC. Das ist schonmal sehr beruhigend.
– Im Vergleich zu Klassenboote ist es mit unserer Mono 22 also aus unserer Sicht fast egal, ob wir ORC oder Yardstick starten.
– Einzelboote haben alle etwa den gleichen prozentualen „Aufschlag“. Ausnahmen gibt es hier natürlich auch – man kann dann spekulieren, woran das liegt.
– Daher sind auch Einzelboote wieder untereinander vergleichbar – egal bei welchem System (es gibt aber viel mehr Ausreißer unter Yardstick).
– Wenn man Einzelboote und Klassenboote miteinander unter Yardstick vergleicht, dann sind die Einzelboote etwas bevorteilt (wenn man annimmt, das ORC die fairere Grundlage ist).
– Unerklärlich ist mir, weshalb die X-99 so eine große Diskrepanz zwischen den Ratings haben. Ein X-99 Segler sollte also unter Yardstick starten, wenn er aufs Podium möchte.
– Der Unterschied zwischen normalen Kielbooten und Sportbooten ist ziemlich gleich in beiden Ratings. Dennoch fällt es in der Realität bei den meisten Windbedingungen schwer, beide Bootstypen zu vergleichen. Daher sollten jeweils eigene Gruppen gebildet werden.
– Letztes Fazit: Wir machen noch eine ganze Menge falsch…

Advertisements

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s